Musiktherapie in der Onkologie

erschienen im bazillus Februar 2003

Musiktherapie in der Onkologie

Herr S. liegt im Bett. Angst beherrscht ihn. Er weiss nicht mehr weiter. Sein Atem fliegt. Käme doch endlich etwas Ruhe und Frieden in sein Herz! Die vibrierenden Töne einer Tampura beginnen den Raum zu füllen. Mit geschlossenen Augen lauscht er dem Klang. Er fühlt sich zu den Tönen hingezogen, spürt, wie etwas in ihm in Bewegung gerät. Er summt einen Ton. Atemzug für Atemzug gibt er seiner Stimme Raum, anfangs wackelig spürt er wie sich das Vibrieren im ganzen Körper ausbreitet. Endlich beginnt sich die ersehnte Ruhe zu zeigen! Still geworden lauscht er den Klängen in seinem Innern nach.

Was ist Musiktherapie?

Definition
Im Vordergrund der Musiktherapie steht das Aufbauen und Gestalten einer zwischenmenschlichen Beziehung, in der der Mensch in seinem inneren Prozess begleitet wird.
Durch die Musik und im Gespräch, sowie unter Einbezug von Körper- und Atemwahrnehmung können auftauchende Themen bearbeitet werden. Dies ermöglicht eine Erweiterung im Fühlen, Erleben, Denken und Handeln.
Bei tödlicherkrankten Menschen kann die Musiktherapie etwas zur Heilung im Sinne des Heil- und Ganzwerdens beitragen.

Allgemeine Überlegungen
Eine Krebserkrankung kann das Leben eines Menschen ins Wanken bringen. Fragen nach Sinn, Gefühl der Leere, Angst, Verzweiflung und Verunsicherung sind Themen mit denen viele krebsbetroffene Menschen konfrontiert sind. Die Musiktherapie versucht Betroffene in diesem Prozess zu begleiten und zu unterstützen. Im Spitalalltag kann das je nach Situation sehr unterschiedlich aussehen. Während meiner Tätigkeit als Musiktherapeutin im Kanontsspital St.Gallen sammelte ich vielfältige Erfahrungen. Einige Menschen wünschten sich primär Entspannung. Andere widerum suchten aktive Auseinandersetzung in ihrem Ringen. In einigen Stunden stand die Musik im Vordergrund, in anderen das Gespräch. Meine Arbeit orientiert sich immer am Prozess und nicht an vorher festgelegten Abläufen. Musiktherapie basiert auf einem psychologischen Menschenbild.
Da der Hörsinn bei sterbenden PatientInnen noch während langer Zeit intakt ist, ist es möglich über Musik und Körper auch terminale PatientInnen zu erreichen.

Auf der musikalischen Ebene gibt es zwei verschiedene methodische Vorgehensweisen, die gezielt und situationsbedingt eingesetzt werden. Es wird mit einem psychodynamischen Ansatz gearbeitet.

rezeptive Musiktherapie: Die Therapeutin spielt für den/ die PatientIn auf einem oder mehreren Instrumenten oder sie hören gemeinsam Musik ab Tonträger. Die Musik kann Körperempfindungen auslösen, Spannungen abbauen, Gefühle und Erinnerungen wecken und das Entstehen von Bildern aktivieren. Diese werden je nach Situation im Gespräch oder musikalisch bearbeitet.

aktive Musiktherapie: Mit leicht spielbaren Instrumenten kann der/die PatientIn Stimmungen, Gefühle und Situationen ausdrücken. Die Therapeutin kann durch ihr Mitspielen Erfahrungen von Resonanz, Unterstützung und Begleitung vermitteln, sowie Widerstand und Grenzen bieten.

In der stationären Begleitung von onkologischen PatientInnen kam der rezeptive Ansatz häufiger zur Anwendung als der aktive. Die meisten PatientInnen waren von der Krankheit und der Therapie sehr geschwächt und hatten keine Kraft mehr, selber aktiv in Ausdruck zu gehen. Zudem steht in dieser Phase häufig das Loslassen und nicht das aktive Handeln im Vordergrund.

Besonderheiten und Faszination als Musiktherapeutin in der Onkologie
Als Musiktherapeutin in einem Akutspital lerne ich Menschen in einer Krisensituation kennen. Ich bin immer wieder berührt, wie jeder Mensch mit dieser Lebenssituation umgeht, wie er sich darin seinen ganz persönlichen Weg sucht. Schön und zugleich auch herausfordernd erlebe ich den Umstand, dass ich während einer Therapie ganz für den jeweiligen Patienten dasein kann. Ich werde nicht von einem Piepser weggerufen oder sollte zugleich schon wieder an einem anderen Ort sein. Dies bedeutet aber auch, dass ich mich in schwierigen Situationen nicht hinter einer anderen Arbeit verstecken kann, sondern mich der Situation, so wie sie ist, stellen muss. Wenn ich in solchen Situationen an meine Grenzen stosse, ist es wichtig, dies zu erkennen, ernstzunehmen und mir über die Hintergründe meiner Reaktionen klarzuwerden. Dies kann in eigener Reflexion geschehen oder mit Unterstützung einer Supervision.
Ein wichtiger Aspekt in meiner Arbeit ist die Präsenz. Ich versuche mit allen Sinnen präsent und ganz wach zu sein für die PatientIn. Eine Ohnmacht, die einfach sein darf und nicht sofort mit Tipps weggemacht werden will, hat die Chance sich wirklich zuwandeln. Es ist immer wieder berührend, zu erfahren, dass handeln im Nichthandeln sehr viel bewirken kann. Wobei genau genommen eine wirkliche Präsenz auch eine Form von Aktivität ist.
Als wichtiges Element in der Begleitung onkolgischer PatientInnen erfahre ich auch immer wieder die Stille. Das Erleben einer Stille, die weder peinlich noch unangenehm ist empfinde ich jedes Mal als Geschenk. Solche Momente können nicht gemacht werden. Sie entstehen oder entstehen nicht. Wo können wir in unserem Alltag noch solche Erfahrungen machen? Ich erlebe immer wieder, dass in solchem gemeinsamen Schweigen Wesentlicheres geschieht als im Gespräch.

Musiktherapie im KSW
Seit Ende Mai 2002 gehört die Musiktherapie auch zum Angebot der Radioonkologie des KSW. Dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung der Krebsliga und der Bereitschaft von Dr. U. Meier sowie dem Team der Radioonkologie konnte ich mit einem Kursangebot für onkologische PatientInnen starten. Nähere Informationen zur Gruppe können sie auf der Homepage nachlesen. Es freut mich, dass die Krebsliga dieses Angebot auch im 2003 weiter mitfinanzieren wird!

Claudia Hablützel, Musiktherapeutin SFMT

Ein Hinweis in eigener Sache: Da das Thema Burnoutprophylaxe im Krankenhausalltag von grosser Bedeutung ist, habe ich dazu ein Weiterbildungsangebot ausgearbeitet. Im Zentrum steht die persönliche Auseinandersetzung und nicht Theorievermittlung. Für nähere Informationen erreichen Sie mich unter der Tel. 052 202 66 46

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