Musiktherapie in der Kinderklinik

erschienen im bazillus April 2005

Musiktherapie in der Kinderklinik

„… eine Stunde, die jede Woche stattfindet und bei der ich nie weiss, was geschehen wird…“
„… Man geht anders raus als man reingekommen ist…“
„… man überlegt sich nichts, sondern tut einfach mal…“
„… meine Gefühle genauer kennen lernen, verstärken, rauslassen…“
„… merken, was mir gut tut…“
Diese Zitate stammen von Jugendlichen, die zur Behandlung einer Anorexie in der Kinderklinik hospitalisiert waren. Es sind Antworten auf die Frage, wie sie Musiktherapie erleben, wo sie durch diese Unterstützung erfahren.
In der Februarausgabe 03 des Bazillus habe ich einen Artikel über Musiktherapie in der Onkologie geschrieben. Dr. K. Albermann, leitender Arzt Abt. Psychosomatik und Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) der Kinderklinik, nahm damals Kontakt mit mir auf, da er die Idee hatte, Musiktherapie auch in der Kinderklinik anzubieten. Nach intensiver Vorbereitungszeit wurde im Juli 2004 die Musiktherapie ins Therapieangebot aufgenommen. Zur Kostenübernahme der Musikinstrumente und eines Instrumentenwagens konnten 2 private Stiftungen gefunden werden. Die Arbeitsstunden (5h/Wo) werden von einer weiteren Stiftung, die auch Kreativtherapien in anderen Kinderkliniken unterstützt, finanziert. So konnte dieses Angebot integriert werden, ohne dass der Stellenplan tangiert wurde. Ich möchte an dieser Stelle den Stiftungen noch einmal herzlich danken für ihre Unterstützung!

Die Musiktherapie wird in erster Linie von den Patientinnen und Patienten mit Essstörungen genutzt. Sie ist Teil eines umfassenden Therapieangebotes. Falls nicht alle Stunden von ihnen belegt werden, können auch andere Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden.

Als weitere Indikation kommen u.a. folgenden Störungen in Frage:

• Tumorerkrankungen
• Somatoforme Schmerzstörungen
• CP
• Neonatologie
• Beziehungsstörungen

Die Zitate zu Beginn des Artikels erfassen bereits wesentliches von den Zielen und Inhalten der Musiktherapie. Auf der methodischen Ebene kommen in einer therapeutischen Behandlung zwei verschiedene Ansätze zur Anwendung. Sie werden gezielt und situationsbedingt eingesetzt: die aktive und die rezeptive Musiktherapie. Da sowohl das Kind als auch der Jugendliche sich vor allem auf der handelnden Ebene erfahren und gestalten kommt der aktive Ansatz deutlich häufiger zur Anwendung. Dies unterscheidet sich von der Therapie mit Erwachsenen.
Die folgenden 2 Beispiele sollen die beiden Ansätze verdeutlichen und verständlich machen (die Namen wurden verändert):

Rezeptive Musiktherapie
Anna, 14 jährig, hospitalisiert mit einer Anorexie. Nach vielen aktiven Musiktherapiestunden möchte sie zum ersten Mal den rezeptiven Ansatz ausprobieren. Auf dem Boden liegend leite ich eine Körperwahrnehmungsübung an, die der Bewusstwerdung des Körpers und der Entspannung dient. In einer Imagination versucht sie, sich ihren eigenen inneren Ort der Entspannung und der Sicherheit vorzustellen. Während sie mit diesem Bild in Kontakt bleibt, lasse ich eine sphärische Musik mit Metallophontönen erklingen. Ihre Mimik, ihr Atemrhythmus und meine Intuition leiten die Musik. Sie ist harmonisch, fliessend und fast ohne Dynamik. Nach der Musik entsteht eine lange Stille, während der die Musik nachklingt. Anna’s Atemrhythmus hat sich verlangsamt und vertieft. In berührenden Worten schildert sie, was sie erlebt hat.

Aktive Musiktherapie
Sarah, 15 jährig, hospitalisiert mit Anorexie. Sarah erzählt zu Beginn der Stunde einen eindrücklichen Traum. Mit einer Trommel hat sie das Geschehen um sie herum dirigiert. Wir nehmen dies als Thema in die heutige musikalische Improvisation auf. Der Titel der Musik lautet: „Ich trommle“. Sie wählt die Bongos (2 miteinander verbundene kleinere Trommeln), die sie mit Schlegeln spielt. Sie beginnt, gibt den Rhythmus vor. Ich begleite sie mit einer runden Felltrommel. Aus einem sich wiederholenden Rhythmus lösen sich kleinere Variationen. Auch wenn wir zwischendurch verschiedene Rhythmusfiguren spielen bleibt doch der Grundpuls immer gleich. Eine Variation entsteht, indem ich den Grundrhythmus halte und sie darüber frei spielen kann. Mal klingen schnellere Töne, dann setzt sie Akzente und kehrt wieder zu einem sich wiederholenden Rhythmusmotiv zurück. Der Schlusston kommt kräftig und klar. Wir lachen. Beim gemeinsamen Anhören der aufgenommenen Musik schreibt sie folgende Geschichte:

Flüchtlinge rudern in einem Boot Richtung Land. Sie kommen an einem Sandstrand an. Die restliche Insel ist dicht bewaldet. Sie freuen sich, dass sie an Land gekommen sind. Sie rennen durch den Dschungel, erkunden die Insel und sammeln Holz für ein Feuer und Unterkünfte. Nach und nach entsteht ein Dorf. Am Abend, wenn es dunkel wird, tanzen sie um das Feuer. Wilde Tiere lauern im Wald. Langsam wird es ruhig und alle gehen schlafen. Die Tiere schleichen um die Hütten. Die Menschen sehen ihre Umrisse und in ihren Zelten und beten zu ihren Geistern, dass sie verschont werden. Unterdessen ziehen die Tiere immer engere Kreise um die Zelte. Alle zittern, bis es schliesslich Morgen wird, die Sonne aufgeht und die Tiere verschwunden sind und alles wieder ruhig wird.

Das Thema Insel, Zufluchtsort klingt an. Wo hat sie ihre Inseln? Wo findet sie Schutz?

Musiktherapie hat viel mit Gefühlhaftem und Atmosphärischem zu tun. Indem man diesem Worte verleiht, bekommt es einerseits eine Form, ist aber andererseits nur ein Teil dessen, was bestehend ist. Ich hoffe, dass mit diesem kurzen Artikel auch die Musik hinter oder unter den Worten hörbar wurde. Falls Sie gerne noch mehr zum Thema Musiktherapie wissen möchten, erreichen Sie mich unter der internen Nummer 3353.

Claudia Hablützel
Musiktherapeutin SFMT

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